And my soul from out that shadow that lies floating on the floor/ Shall be lifted - nevermore! E. A. Poe
 



And my soul from out that shadow that lies floating on the floor/ Shall be lifted - nevermore! E. A. Poe
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This is how their mind works

Lia klammerte sich an Kains Hand. “Bück dich”, wisperte er.
Sie kniete sich auf den Boden. “Siehst du den winzigen Spalt? Wenn du deine Finger hineinschiebst, kannst du hindurchsehen.” Sie tat, was er gesagt hatte. Vorsichig spähte sie durch das Loch in der schwarzen Plane hindurch.
Sie keuchte. Noch nie zuvor hatte sie so viele Menschen an einem Ort gesehen.
Alle von ihnen trugen schäbige Uniformen, die so grau waren wie der Staub in der Luft. Der Geruch von giftigen Chemikalien stieg ihr in die Nase. Sie schob ihren Schal vors Gesicht.  
Ein paar Minuten lang beobachtete Lia die Arbeiter. Sie machten immer dieselbe Bewegung, wieder und wieder und wieder. Dabei wirkten sie so maschiniert wie ein Roboter-Trupp. Ein perfekt einstudierter Tanz. Ausnahmen oder Fehler gab es in dieser Halle keine. 
Das einzige Auffällige an ihnen waren ihre Gesichter.
Nicht die Tatsache, dass keiner von ihnen einen Mundschutz trug. Lia war nicht so naiv gewesen, das zu erwarten. Sondern ihr sonderbar verzerrter Gesichtsausdruck.
Vielleicht ist das die Wirkung der Chemikalien, vermutete Lia. Sie versuchte genauer hinzusehen, doch die dichten Staubwolken waren ständig im Weg.  
Sie kniff die Augen zusammen. Die Münder...
“Sie lächeln!”, flüsterte sie erstaunt. “Warum lächeln sie?”
“Sieh dir ihre Augen an.”
Das Mädchen konzentrierte sich auf das Gesicht des Arbeiters, der ihr am nächsten war. Mit seiner rechten Hand führte er eine Nähmaschine. Er schien älter zu sein als seine Kollegen. Unter seinen dunklen Augen zeichnete die Müdigkeit tiefschwarze Ringe. 
Je länger sie ihn anstarrte, desto mehr fiel ihr der angestrengte Ausdruck in ihnen auf. 
Sie runzelte die Stirn. Warum lächelte er dann? Warum umrahmten tiefe Lachfältchen seine unnatürlich hoch gehobenen Mundwinkel? Ihn zum Lächeln zu zwingen ergäbe doch keinen Sinn. Was sollte das bringen?  
Plötzlich bemerkte Lia, wie seine Wangen erschlafften. Panik trat in die Augen des Mannes. Er bemühte sich, das Lächeln wieder auf sein Gesicht zu zerren. Doch es schien ihm nicht zu gelingen. Seine Bewegungen wurden langsamer.  
Einen winzigen Moment lang sah Lia das Entsetzen in seinem staubbedeckten Gesicht aufflackern. Dann glitt der Mann zu Boden. 
Was war los mit ihm? War er unter der Arbeit eingeschlafen?
Eine Hand schob sich vor ihren Mund.  
Zuerst begriff sie nicht warum. Doch dann fiel ihr etwas Glänzendes ins Auge. Die Spitze eines Messers, die das Licht der Neonlampen spiegelte. Sie ragte aus der Brust des Mannes.
Lia zuckte heftig zusammen. “Sch”, murmelte Kain. Sie spürrte seine Lippen neben ihrem Ohr. Sein Miene zeigte keine Regung. Er starrte nur weiter durch den Spalt.
Das Mädchen folgte seinem Blick. Ein Roboter hatte den erschlafften Körper des Mannes hochgehoben und trug ihn nun davon.  
Die anderen Arbeiter hatten der Szene nicht einen einzigen Blick gewidmet. Keiner hatte seine präzise gesetzten Handgriffe auch nur für einen Sekundenbruchteil unterbrochen. Noch nicht mal das Lächeln auf ihren Gesichtern war kurz erloschen.
Lia musste den Blick abwenden. Von Abscheu geschüttelt, zitterte sie am ganzen Körper. Kevin drehte sich zu ihr um. “Wenn sie nicht glücklich aussehen”, sagte er leise, “stört das die Perfektion.”
“Sie habe ihn getötet, weil er nicht mehr lächeln konnte?” Ungläubig schüttelte sie den Kopf. Sie musste sich anstrengen, leise zu sprechen.
“Und weil seine Arbeit zu langsam und ungenau war. Die Sensoren der Roboter registrieren das. Und dann...” Er machte eine Handbewegung zum Zaun. “Es läuft alles vollkommen automatisch ab.”
Sie konzentrierte sich, versuchte, klar zu denken.
“Wenn sie Perfektion wollen, warum... warum setzen sie dann nicht einfach Roboter für diese Arbeit ein? Roboter haben keine Fehler. Das wäre doch viel effizienter.”
Kain kniff die Lippen zusammen. “Menschen sind viel billiger.” Er richtete sich auf.  
“Wir haben einen Arbeiter-Überschuss. In dieser Klasse gibt es seit Jahren viel zu viel Nachwuchs. Die Menschen in dieser Halle sind eine Art... Einwegprodukte. Wie Wegwerfhandschuhe. Man hat für sie kein langes Arbeitsleben geplant. 
Die Meisten überstehen nicht mal fünf Jahre hier.”
Lia bemühte sich, zu begreifen. Wut sammelte sich in ihr. Eine Menge Wut. So zornig war sie noch nie gewesen.
“Wir müssen es den Leuten erzählen. Was hier vor sich geht. Dann kaufen sie nichts mehr von dieser Fabrik.”
Zum ersten Mal seit sie sich kannten, lächelte Kain. Es war ein Lächeln wie das der Fabrikarbeiter.
“Sie wissen es längst, Lia.” Mitleid lag in seiner Stimme.
Ungläubig starrte sie ihren Freund an.
“Sie alle... Sie wissen davon und trotzdem...?” Kain zuckte mit den Schultern
“Das ist ihre Art zu denken.”
Eine Mischung aus Wut, Entsetzen, Hilflosigkeit und noch etwas anderem, unbekanntem, wallte in Lia auf wie eine Welle, die immer größer und größer wird. Bis sie bricht.
Plötzlich wünschte sie sich sehnsüchtig, sie wäre nie hier gewesen.  
“Warum hast du mich heute mitgenommen?”, fragte sie misstrauisch. “Um mich zu überzeugen? Das hättest du nicht müssen.” 
Kain sah ihr in die Augen, als er antwortete. Leise, kaum hörbare Traurigkeit ersetzte dabei die Bitterkeit und Kälte in seiner Stimme: “Um dir die wichtigste Fähigkeit eines Terroristen beizubringen. Die Fähigkeit, zu hassen.”
Hass war das unbekannte, neue Gefühl, dem Lia an diesem Tag zum ersten Mal begegnete. Und Hassen sollte sie während der nächsten Jahre noch ausreichend lernen.

Kain wandte den Blick ab. “Es ist Zeit”, flüsterte er. Schweigend holte er die Waffe aus seinem Rucksack. Sie sah aus, wie ein größeres Gewehr. Pechschwarz und stabil. Er schob den Lauf in den Spalt. Dann drehte er sich zu Lia um. 
“Du weißt, was du zu tun hast?” Die entschlossene Härte war zurückgekehrt. 
“Wenn die Wachleute herauskommen, bedrohe ich mit sie dem Messer. Du schreist um Hilfe. Sie werden dich vor mir retten. Dann rammst du ihnen dein Messer in den Bauch -wie du es geübt hast-  und rennst mit mir weg.”
Er seufzte, als er ihren zweifelnden Blick sah. “Du brauchst keine Angst haben. Du trägst die Kleider einer Konsumenten-Tochter. Sie würden dir nicht mal etwas tun, wenn du auf sie schießen würdest.”
Doch es war keine Angst, die Lia zögern ließ. Im Gegenteil, noch nie war sie so sehr bereit gewesen, sich für die Sache zu opfern. Ihr Blick war auf den Gewehrlauf gerichtet.
“Du wirst tausende Menschen töten, wenn du jetzt schießt.”
Sie erwartete, dass er sofort wieder anfangen würde, ihr zu erklären, dass Opfer eben nötig waren, wenn sie das System vernichten wollten. Und das es die Opfer wert sei, wegen der besseren Zukunft für alle. 
Aber er sagte:”Falsch. Ich werde tausende Menschen retten, wenn ich die Fabrik zerstöre.” 
Er entsicherte das Gewehr. Dann warf er ihr einen letzten Blick zu. Um zu kontrollieren, ob sie am Boden lag.
“Weißt du, wie wir sie nennen? Die Fabrik?”, fragte er. Sie schüttelte den Kopf und presste ihr Gesicht so fest wie möglich gegen den kalten Stein unter ihr. All ihre Muskeln waren angespannt.
“Wir nennen sie die Totenfabrik. Weil sie mehr Tote produziert, als Kleidungsstücke. Ich werde ihre Produktion durch diesen Schuss nur beschleunigen. Nicht vergrößern.”
Sie warf ihm einen kurzen Blick zu. Seine Augen glitzerten. Vor Genugtuung.
In diesem Moment lernte Lia einen der Nebeneffekte von Hass kennen: Schadenfreude. 
Kain, den sie schon von Geburt an kannte, der sie unzählige Male getröstet hatte, der einzige Mensch, dem sie wirklich vertraute, genoss es, zu zerstören und zu vernichten. Er freute sich auf das, was ihnen bevorstand .
“Drei. Zwei. Eins”, zählte er. Lia schloss die Augen und öffnete den Mund. Fabrikstaub legte sich auf ihre Zunge.  
Sie hörte ein leises Klicken direkt neben sich.
Und dann eine riesige Explosion.
29.12.14 13:17
 
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